Semiotik : Im Labyrinth der Vernunft

Im Labyrinth der Vernunft


Signor Sigma hat Bauchweh. Auf dem Weg zum Arzt muß er an der Ampel warten, dann den Fahrplan lesen, bevor er an die Adresse gelangt, wo ihm der Doktor anhand der Symptome eine Trinkerleber diagnostiziert. Die Botschaft ist klar: Unsere Lebenswelt ist ein Reich der Zeichen, und wir können darin nur leben, wenn wir diese zu deuten wissen. Mit Herrn Sigma beginnt der Ausflug in die semiotische Gelehrsamkeit, auf den man sich mit dem Eco-Reader begeben kann: willkommen im Im Labyrinth der Vernunft. Die Herausgeber haben einen durchaus programmatischen Titel gewählt, denn wer Ecos Weltbestseller Der Name der Rose gelesen hat, der kann die Bedeutung erahnen, die die Figur des Labyrinths in seinem Denken einnimmt. Im Rosenroman ist es die Bibliothek, in dem vorliegenden Sammelband die Generalmetapher für die enzyklopädische Totalität unserer Kultur. Alles Kulturelle ist bei Eco Kommunikationsprozeß, also Produktion von Zeichen und deren Interpretation. Dieser Grundgedanke der Ecoschen Semiotik ist der Leitfaden, der sich durch diese Textsammlung zieht. Es geht um Massen- und Medienkultur, um Kunsttheorie und Avantgarde-Ästhetik, um die Schnittstelle von Erkenntnistheorie und Zeichenlehre. Eco liest sich über weite Strecken richtiggehend spannend, weil er sein Wissen -- siehe Herr Sigma! -- in anschauliche Formen zu bringen weiß. Und wenn auch die semiotische Vernunft heutzutage etwas altmodisch aussehen mag, alle Schnellebigkeit akademischer Moden kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Zeichen erst in ihrem Gebrauch aufgehen, daß man sie also erst einmal als Zeichen erkennen muß, bevor man sie interpretieren kann. Schließlich geht es ja nicht um die Rose, sondern um den Namen der Rose. --Nikolaus Stemmer

Gehirnwindungsübungen mit erleuchtenden Einsichten - Eco, seines Zeichens Semiotik-Professor an der Universität Bolognia und Autor des Buches Der Name der Rose, unternimmt hier eine Führung durch einige (verständlicherweise vornehmlich seine eigenen) Theorien über die Semiotik, die Wissenschaft der wahrnehmbaren Zeichen und deren Bedeutungen.Um das wichtigste vorweg zu nehmen: dieses Buch ist qualitativ herausragend geschrieben, verlangt aber einiges an linguistischen, kulturwissenschaftlichen, soziologischen, kommunikations- wissenschaftlichen und eben auch semiotischen Vorkenntnissen, die sich nicht weit unter Uni-Niveau bewegen sollten. Dies habe ich selbst erfahren, da ich es mir vor jeglichen Semiotik-Vorlesungen gekauft hatte (ich studiere Medien- und Kommunikationswissenschaft, damals als Erstsemestler), und trotz sehr viel Mühe und Beharrlichkeit etwa auf Seite 90 frustriert das Buch beiseite legte, ohne jeder kleinsten Idee, was ich bis jetzt wirklich gelesen hatte.Die Einleitung wirkt noch sehr verständlich: wir lernen einen Herrn Sigma kennen, der Bauchschmerzen bekommt, worauf er jene Situation bewertet und entsprechend reagiert (einen Arzt anrufen). Jene Reaktion hat nun seinen Grund in dem Zeichen Bauchschmerz , das in Herrn Sigmas eigenem kulturellen Zeichensystem mit der Reaktion (einem neuen Zeichen) Arzt anrufen verknüpft ist. Das Wählen der Telefonnummer entpuppt sich als weiteres Zeichensystem, die Diagnose des Arztes erneut als ein anderes, usw. Dies soll besser in der Einleitung selbst nachgelesen werden.Bereits nach der Einleitung wird Eco hochwissenschaftlich präzise, indem er seinen Begriff einer allgemeinen Semiotik von anderen abgrenzt und diverse Symptome derselben charakterisiert. Wem die Termini Kulturanthropologie , Ethnomethodologie oder verbale Codes und deren Bedeutungen nichts sagen, wird sich bereits hier die ersten Male am Kopf kratzen.Für schon etwas Bewandertere behandelt Eco weiter Signifikation, Feldabgrenzungen (Zoosemiotik, medizinische Semiotik, Paralinguistik, usw.), Saussures und Peirce Zeichenmodelle, diverse zusätzliche Zeichentypologien, Ikonizität und dringt bis in kunsthistorische Zeichentheorien vor. Und das vollbringt Eco in diesem weitreichendem Nachschlagewerk für Semiotik mit einer, wie gesagt, nahezu einzigartigen wissenschaftlichen Präzision, die aber ein relativ gefestigtes Vokabular aus den oben genannten Disziplinen erfordert, um verständlich und wissenschaftlich anwendbar zu werden.Peace out




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